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Economy-Class-Syndrom ©

Thrombosegefahr in der Touristenklasse?


Einleitung zum
Economy-Class-Syndrom

Ein Gespenst geht um in Charterflugzeugen: Die Angst vor der Unterschenkel thrombose oder auf "Neudeutsch" dem Economy-Class-Syndrom. Damit werden die Thrombosen bezeichnet, die auf enges Sitzen in der "Holzklasse" der Urlaubsbomber zurückgeführt werden. Wie hoch oder niedrig ist das Risiko tatsächlich? Wie kann man eine Th rombose erkennen? Und was können Sie vorbeugend dagegen unternehmen? Diese Fragen werden in folgendem Beitrag sachlich und umfassend beantwortet.

Th rombose und Embolie, die gefährlichen Geschwister

Bei einer Th rombose kommt es zu einer Gerinnselbildung. Beim Economy-Class-Syndrom bilden sich diese Gerinnsel meist in den Unterschenkelvenen. Löst sich das Gerinnsel nicht wieder innerhalb einiger Wochen auf, so können chronische venöse Abflussstörungen resultieren (dicke Beine, Hautveränderungen). Gefährlich wird es vor allem dann, wenn sich das Gerinnsel oder ein Teil davon ablöst. Dann gelangt es nämlich über das Herz in die Lunge, wo es in einer Lungenarterie stecken bleibt und diese verschließt. Je größer das Gerinnsel, desto größer ist der betroffene Lungenbezirk. Einen Gefäßverschluss durch ein im Gefäß selbst gebildetes Gerinnsel nennen wir
Th
rombose, einen Verschluss durch ein angeschwemmtes Gerinnsel hingegen Embolie. Es kann daher nach einer
Venenthrombose unter Umständen zu einer gefährlichen Lungenembolie kommen.

Untätigkeit lässt das Blut stocken

Zunächst einmal ist es nicht das Fliegen, welches zum Economy-Class-Syndrom führt, sondern die körperliche Untätigkeit während des Fluges. Wer nach einer Operation eine Woche lang im Bett liegen muss, hat ebenfalls ein deutlich erhöhtes Risiko für eine
Th rombose. Wer in einem Rutsch ohne Pause im Auto von Hamburg nach München fährt, erhöht sein Thromboserisiko ebenfalls deutlich.

Richtiges trinken ist entscheidend

Beim Fliegen wird das Risiko, welches durch die Untätigkeit entsteht, aber noch durch den Flüssigkeitsentzug massiv erhöht. Die Luft im Flieger enthält sehr wenig Feuchtigkeit. Sie führt daher zur Austrocknung des Körpers. Die Flüssigkeitsverluste sollten unbedingt durch eine adäquate Flüssigkeitszufuhr gedeckt werden. Viele Fluggäste führen während des Fluges zwar reichlich Flüssigkeit zu, leider jedoch in Form von Alkoholika, Kaffee oder Schwarztee. Diese Getränke regen aber die Flüssigkeitsausscheidung über die Niere an und fördern somit die Austrocknung, anstatt ihr entgegenzuwirken. Durch diese Austrocknung wird das Blut dicker (exakter: der Hämatokrit, d.h. der Anteil der festen Bestandteile im Blut nimmt zu). Ein solch eingedicktes Blut neigt sehr viel leichter zur Gerinnselbildung als ein normal dünnes.

Economy-Class-Syndrom - Verharmlosung oder Panik?

In den Medien ist in den letzten Monaten verstärkt über das Economy-Class-Syndrom berichtet worden. Die Kommentare waren dabei teilweise verharmlosend, teilweise schürten sie aber auch Panik. Einige Zahlen mögen zur Versachlichung der Thematik beitragen.

Aus statistischen Erhebungen wissen wir, dass bei einer normalen Bevölkerung das Risiko einer Th rombose im Verlauf von Langstreckenflügen um etwas mehr als Doppelte ansteigt. Das klingt sehr bedrohlich, wird aber relativiert, wenn wir uns einmal die absoluten Zahlen anschauen. In der Allgemeinbevölkerung kommt es innerhalb von drei Wochen zu durchschnittlich sechs Thrombosen pro 100.000 Einwohner. In den drei Wochen nach einem Langstreckenflug werden hingegen 14 Thrombosen registriert - also 8 Thrombosen zusätzlich zu denen, die ohnehin aufgetreten wären. Würden allen Fluggästen beispielsweise Heparinspritzen als Thromboseprophylaxe verabreicht werden, so wäre diese Maßnahme bei 99.992 vergeblich, wohingegen 8 geholfen würde (99.986 hätten sowieso keine, 6 hätten sowieso eine
Th rombose bekommen). Bei den knapp 100.000 vergeblich Behandelten müssten wir allerdings eine ganze Reihe von Komplikationen durch die Heparinbehandlung in Kauf nehmen. Ein solches Vorgehen wird derzeit auch nicht ernsthaft diskutiert. Allgemeinmaßnahmen zur Prophylaxe, wie sie unten beschrieben werden, sind hingegen kostenlos, ohne Nebenwirkungen und von jedem ohne großen Aufwand leicht durchzuführen.

Economy-Class-Syndrom - Hohes Risiko, aggressivere Vorbeugung

Ganz anders schaut die Risikosituation aus, wenn es in der Vorgeschichte bereits einmal zu einer spontanen Th rombose gekommen ist. Dann nämlich treten alle drei Wochen bei 100.000 dieser Risikopatienten knapp 500 Thrombosen auf. In den drei Wochen nach einem Langstreckenflug steigt diese Zahl gar auf über 1000 an. Durch geeignete Maßnahmen könnten hier mehr als 600 Thrombosen je 100.000 Fluggäste verhindert werden. Bei diesen Risikopersonen würde sich also ein etwas aggressiveres Vorgehen lohnen. Ein Langstreckenflug ist ein Flug über deutlich mehr als vier Stunden (meist Transkontinentalflüge von acht Stunden und mehr Flugdauer). Der "Hüpfer" nach Mallorca führt fast nie zu einer
Th rombose (die Beachtung der beschriebenen Allgemeinmaßnahmen ist aber auch bei einem Kurz- oder Mittelstreckenflug nie verkehrt).

Achtung: Gasalarm!

Wenn die übliche Flughöhe von etwa 10.000 Metern erreicht ist, dann herrscht in der Druckkabine des Flugzeuges natürlich ein viel höherer Druck als es der Außenluft entspricht. Der Druck ist aber auch niedriger als der auf Meereshöhe. Er entspricht einem Druck, wie man in sonst auf etwa 2000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel vorfindet.

Dies bedeutet, dass ein auf dem Boden aufgepumpter Luftballon sich auf Flughöhe um etwa 30 % ausdehnt. Dasselbe geschieht allerdings auch mit den Gasen in unserem Darm! Wer also unter
Meteorismus (Blähungen) leidet, wird im Flieger noch viel mehr davon betroffen sein.

Die aufgeblähten Darmgase können das Zwerchfell nach oben drücken und unangenehme Herzsensationen hervorrufen, das sogenannte Roemheld-Syndrom. Sie drücken allerdings auch auf die untere Hohlvene, die das Blut aus der unteren Körperhälfte dem Herzen zuführt. Der venöse Abfluss kann so aus den Beinen verschlechtert werden, das Blut fließt langsamer und neigt daher noch etwas eher zur Gerinnselbildung (das Risiko wird hierdurch vermutlich nur ein klein wenig erhöht).
Wer unter Meteorismus leidet, sollte darum im Flieger besonders solche Speisen vermeiden, von denen er weiß, dass sie bei ihm zu Blähungen führen. Gegebenenfalls sollten vor dem Flug entblähende
Medikamente eingenommen werden - wegen des unangenehmen Bauchdruckes, aber auch zur Thromboseprophylaxe.
www.reiz-darm-syndrom.de/blaehungen/

www.reiz-darm-syndrom.de/blaehungen-diagnostik/

Economy-Class-Syndrom - Vorbeugen ist besser als Heilen

Die vorbeugenden Maßnahmen sollten also nach dem bestehenden Risiko abgestuft werden. Der Flugtourist mit normalem Risiko sollte sich an folgende Regeln halten:

  • Viel Trinken (jedoch wenig oder keine Alkoholika oder koffeinhaltigen Getränke)
  • Auch wenn man seinen Sitznachbarn eventuell belästigt: Jede Stunde einmal Aufstehen und ein bisschen im Flugzeug umhergehen
  • Zwischendurch immer wieder einmal die Wadenpumpe betätigen: Die Füße auf die Zehenspitzen und wieder auf die Sohlen stellen, ein solches Fußwippen 50mal hintereinander, einmal pro Stunde
  • Die Beine nicht übereinander schlagen (der Blutfluss wird durch das Abknicken der Gefäße dann zusätzlich beeinträchtigt)

Flugtouristen mit erhöhtem Risiko sind unter anderem alle Menschen, die schon einmal eine
Th
rombose
hatten, alle Frauen unter Kontrazeptiva ("Pille") - besonders dann, wenn sie rauchen - sowie alle Patienten mit bekannten Gerinnungsstörungen, die das Risiko einer Th rombose erhöhen. Wenn bereits unerklärliche, spontane Thrombosen aufgetreten sind, dann sollte gezielt nach solchen Gerinnungsstörungen gesucht werden (siehe Kasten).

Ein eher erniedrigtes Risiko haben Vegetarier, die im Vergleich zur Normalbevölkerung meist einen etwas niedrigeren Hämatokrit aufweisen. Auch dürfen sich Menschen, die reichlich Omega-3-
Fettsäuren (z. B. Fische, Leinöl) zu sich nehmen, in einer gewissen Sicherheit wiegen. Eine solche Kost sollte allerdings mindestens drei Monate lang eingenommen werden (ein Heringsbrötchen vor dem Flug reicht leider nicht aus).

Laboruntersuchungen bei Verdacht auf Th rombose fördernde Gerinnungsstörungen

  • Homocystein
  • Protein C
  • Protein S
  • AT III
  • Faktor V-Leiden- Gen
  • Faktor V-Leiden-Aktivität
  • Quick
  • Fibrinogen

Economy-Class-Syndrom - Bei einem erhöhten Risiko kommen folgende Maßnahmen in Betracht:

  • Zunächst einmal sollten die oben beschriebenen Allgemeinmaßnahmen besonders sorgfältig eingehalten werden.
  • Als nächstes kommt der gute alte Kompressionsstrumpf in Betracht. Dieser sollte allerdings maßgeschneidert sein und er sollte eng anliegen (ein Kompressionstrumpf, den Sie leicht an- und ausziehen können, komprimiert auch nicht)
  • Acetylsalicylsäure (ASS) hemmt die Gerinnung (genauer: die Thrombozytenaggregation, also das Zusammenklumpen der gerinnselbildenden Blutplättchen), aber mehr im arteriellen als im venösen Schenkel des Blutgefäßsystems. ASS stellt daher vermutlich nur einen geringen Schutz vor Th rombose dar (siehe www.1-medikamente.de/acetylsalicylsaeure/).
  • Die subkutane (unter die Haut) Injektion von niedermolekularem Heparin sollte erwogen werden. Besprechen sie mit Ihrem Arzt, ob bei Ihnen das individuelle Risiko so hoch ist, dass eine solche Maßnahme erforderlich ist. Sollte dies der Fall sein, dann kann er Ihnen diese Spritzen verschreiben. Die Arzthelferin kann Ihnen die Applikation einer solchen Subkutanspritze erklären. Sie sollten sich selbst unmittelbar vor dem Flug das Heparin spritzen (oder von einem Mitreisenden spritzen lassen). Wenn der Arzt einen Tag vor dem Flug spritzt, nutzt es nämlich nichts.
  • Wenn aufgrund genetischer Defekte (dies kann man mit entsprechender Diagnostik, siehe Kasten „Laboruntersuchungen“) herausfinden ein deutlich erhöhtes Risiko besteht, kann auch eine Dauertherapie mit einem Blutverdünner sinnvoll sein (nähere Informationen hierzu siehe http://www.1-medikamente.de/blutverduenner/).

Was aber tun, wenn nach einem Flug die Beine anschwellen? Ist dann doch eine Unterschenkelvenenthrombose eingetreten? Dies ist äußerst unwahrscheinlich, da eine beidseitige Th rombose zwar nicht unmöglich, aber sehr selten ist. Vermutlich handelt es sich um eine venöse Stauung durch das lange Herabhängen der Beine. Wenn Sie die Beine hoch lagern, fließt die Flüssigkeit wieder zurück und die Beine schwellen ab. Bei einer Th rombose bleibt das betroffene Bein hingegen dick.

Hier noch einmal die wichtigsten Symptome einer Venenthrombose:

  • Schmerz in betroffenen Bein
  • Schweregefühl und Ödem im betroffenen Bein
  • Bläuliche Verfärbung
  • Überwärmung
  • Gelegentlich leichtes Fieber und Pulsanstieg

Bild Thrombose Einseitige Beinschwellung ist ein typisches Symptom für Th rombose

Sollten Sie aufgrund der Symptome - es müssen nicht alle gleichzeitig vorliegen - den Verdacht auf eine Th rombose haben, so sollten Sie möglichst rasch einen Arzt aufsuchen. Fast jeder Flughafen und jede größere Ferienanlage verfügt über einen eigenen ärztlichen Dienst, der meist rund um die Uhr erreichbar ist. Wenn Sie sich aber an die Empfehlungen halten, so ist Ihr Risiko denkbar niedrig und Sie dürfen sich angstfrei auf Ihren Urlaub freuen.

Falls Sie schon einmal eine Th rombose hatten oder aufgrund von Häufungen in der Verwandtschaft ein größeres Risiko haben und somit vielleicht das Economy-Class-Syndrom befürchten, sollten Sie die oben angegebenen Untersuchungen durchführen lassen. Wir stehen Ihnen für weitere Rückfragen gern zur Verfügung schmiedel@habichtswaldklinik.de.

Guten Flug!

Ihr Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. www.naturarzt-access.de

Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten stehe ich Ihnen im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in der naturkundlichen Privatambulanz.

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Experte in biologischer Medizin (Univ. Mailand) 

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Aktualisiert: Juni 2010

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